Autismus-Kompetenz-Zentrum im Zollernalbkreis eröffnet

28.10.2026 |

Neuer Anlaufpunkt für Kinder, Jugendliche und Familien – das Autismus-Kompetenz-Zentrum setzt auf individuelle Förderung, enge Kooperationen und verlässliche Unterstützung.

Familien mit Kindern oder Jugendlichen aus dem Autismus-Spektrum wissen es: Die Wege sind lang bis zu einer Diagnose und schwierig, wenn es um die passende Unterstützung geht. Im neu eröffneten Autismus-Kompetenz-Zentrum kann ihnen nun geholfen werden. Das Haus Nazareth, das Fachkrankenhaus für Kinder- und Jugendpsychiatrie Mariaberg und die Erziehungsberatungsstelle des Landkreises Zollernalb haben sich hier vernetzt, um betroffene Familien zu beraten, sie an die jeweils zuständigen Ansprechpersonen und Angebote zu vermitteln und die Zeiten zur passenden Hilfe zu verkürzen. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung zu fördern und sie sowie ihre Familien individuell zu begleiten. Das Zentrum dient dabei als zentrale Anlaufstelle für Information und Vermittlung – die jeweiligen Fachkräfte und Unterstützungsangebote befinden sich an anderen Standorten.
 
Das Zentrum bietet Platz für Schulunterricht mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung sowie für die ambulante Kinder- und Jugendhilfe. Die Räume sind bewusst übersichtlich und reizarm gestaltet, um Ablenkungen zu reduzieren. Ein Ruheraum ermöglicht es den Kindern, sich zurückzuziehen und neue Kraft zu sammeln. In praxisorientierten Lerneinheiten, z.B. in der Küche oder im Garten, erwerben die Kinder lebenspraktische Fähigkeiten und erleben, was sie selbstständig erreichen können. Ein wichtiger Bestandteil des pädagogischen Alltags sind z.B. die Küche und der Garten. Hier sammeln die Kinder lebenspraktische Erfahrungen und erleben, dass sie selbstständig etwas erreichen können. Was zunächst kaum vorstellbar schien, wird hier zur Erfolgsgeschichte: Kinder, die sich zuvor nicht einmal an das Anfassen von Teig herangetraut hatten, backen inzwischen eigenständig Kuchen. Auch die Eltern erleben dabei, wie viel ihre Kinder selbst bewältigen können. Ziel ist es, Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder zu stärken und ihnen mehr Eigenständigkeit zu ermöglichen. Das Team der Schule besteht aus drei Lehrkräften und einem Sozialpädagogen. Ergänzt wird die pädagogische Arbeit durch feste Kooperationen, insbesondere mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie Mariaberg. Die enge Zusammenarbeit ermöglicht kurze Wege bei diagnostischen Fragestellungen, Beratungsbedarf und der Suche nach weiteren Einschätzungen. Das Zentrum versteht sich dabei als Teil einer Verantwortungsgemeinschaft, in der verschiedene Fachrichtungen und Institutionen gemeinsam an Lösungen arbeiten.
 
Orientierung geben und individuelle Wege ermöglichen
Martin Ludwig vom pädagogisch-therapeutischen Fachbereich des Hauses Nazareth betonte in seiner Ansprache den Anspruch, mit dem das Kompetenzzentrum an den Start geht: Es wolle ein Wegweiser im Bereich Autismus sein. Entscheidend sei, für die Betroffenen erreichbar zu sein, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und zielgerichtet helfen zu können. Kinder, Jugendliche und ihre Familien sollten Antworten auf ihre Fragen und Unterstützung für ihren individuellen Weg erhalten.
 
Der stellvertretende Direktor des Hauses Nazareth, Daniel Hahn, blickte auf die langjährige Erfahrung der Einrichtung zurück. Autismus sei dort seit 16 Jahren ein Thema. Während seiner Arbeit in einer Wohngruppe mit autistischen Kindern und Jugendlichen habe er erfahren, wie unterschiedlich sich Autismus zeigen könne. Dabei habe ihn auch die Frage beschäftigt, was eigentlich als „normal“ gelte. Zugleich habe er erlebt, dass betroffene Menschen häufig missachtet und in ihrer Würde verletzt würden. Die Not sei groß, schilderte Hahn: Überfüllte Einrichtungen, verunsicherte Eltern und Familien, die angesichts fehlender Unterstützung an ihre Grenzen gerieten, seien große Herausforderungen. Eltern trügen keine Schuld an dieser Situation. Vielmehr brauche es Verständnis, fachliche Kompetenz und verlässliche Hilfsangebote, damit Familien nicht allein gelassen würden. Ein Wegweiser müsse sich auskennen – und dafür seien Erfahrung und Fachwissen unverzichtbar.
 
Ein Meilenstein für die soziale Infrastruktur
Herr Link, Dezernent beim Landratsamt, bezeichnete das Autismus-Kompetenz-Zentrum als Meilenstein für die soziale Infrastruktur im Zollernalbkreis. Als Leuchtturmprojekt schließe es eine bestehende Versorgungslücke und schaffe einen wichtigen Anlaufpunkt für Diagnostik, Beratung und Unterstützung. Er dankte dem Haus Nazareth für sein Engagement und wünschte dem Zentrum Kraft und Wachstum. Dabei griff er das Bild des Apfelbaums auf, der anlässlich der Eröffnung gepflanzt wurde. Wie ein Baum brauche auch das Kompetenzzentrum Pflege und Aufmerksamkeit, um sich entwickeln zu können. Gießen sei deshalb nicht nur im wörtlichen, sondern auch im übertragenen Sinne immer wieder notwendig. Die Herausforderungen bei der Weiterentwicklung sozialer Angebote seien zugleich nicht zu unterschätzen. Gerade angesichts knapper Budgets bei Kommunen und Landkreisen komme es darauf an, bestehende Strukturen zusammenzudenken, Synergien zu nutzen und die Qualität der Angebote dauerhaft zu sichern. Umso wichtiger seien tragfähige Kooperationen und gemeinsame Verantwortung.
 
Jedes Kind ist individuell – Förderung muss beim Kind beginnen
Die schulische Perspektive brachten die Schulleiter Matthias Schmidt und Max Roser ein. Sie berichteten von einer stark steigenden Nachfrage nach Unterstützung für Kinder im Autismus-Spektrum. In Regelschulen gingen betroffene Kinder häufig unter, insbesondere wenn ihre Persönlichkeitsentwicklung zu wenig berücksichtigt werde. Patentrezepte gebe es nicht, machten sie deutlich. Neben fundiertem Fachwissen sei entscheidend, dieses Wissen situationsgerecht anzuwenden. Die zentrale Aufgabe bestehe darin, der Not der Kinder und Familien zu begegnen und Hoffnung zu vermitteln. Jedes Kind sei auf seine Weise besonders und bringe eigene Stärken mit. Deshalb müsse die Förderung konsequent vom einzelnen Kind aus gedacht werden.
 
Auch Eileen Winter vom Fachdienst unterstrich die Bedeutung fachlicher Kompetenz. In der Vergangenheit habe es sicherlich Kinder gegeben, bei denen eine Autismus-Diagnose infrage gekommen wäre, für deren Unterstützung jedoch noch das notwendige Fachwissen gefehlt habe. Sie zeigte sich dankbar, dass mit dem neuen Zentrum ein Ort entstanden sei, an dem Betroffene und Familien Unterstützung finden könnten. Zugleich stellte sie klar: Autismus sei keine Modediagnose, sondern ein Thema, das fachliche Aufmerksamkeit und ernsthafte Auseinandersetzung erfordere.
Ein Schulalltag voller Überraschungen
 
Wie die Förderung im Alltag aussieht, schilderten die Lehrkräfte der Balanceklassen. Der Schulalltag gleiche häufig einem Überraschungsei: Jeder Tag bringe neue Situationen und Herausforderungen mit sich. Neben schulischen Inhalten gehe es darum, die Kinder in ihrer Selbstständigkeit zu stärken und ihnen lebenspraktische Fähigkeiten zu vermitteln. Die Kinder könnten dabei eigene Interessen entdecken, Erfolgserlebnisse sammeln und Schritt für Schritt mehr Zutrauen in ihre Fähigkeiten entwickeln.
 
Den Abschluss der Eröffnung bildete die Enthüllung des Schildes am Gebäude. Außerdem pflanzten die Gäste gemeinsam einen Apfelbaum, an dem sie ihre guten Wünsche für die Zukunft des Kompetenzzentrums hinterlassen konnten. Mit dem Autismus-Kompetenz-Zentrum entsteht in Albstadt ein Ort, an dem fachliche Expertise, individuelle Förderung und die Zusammenarbeit unterschiedlicher Beteiligter zusammenkommen. Das gemeinsame Ziel ist es, Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Orientierung zu geben, ihre Stärken sichtbar zu machen und ihnen verlässliche Wege zu mehr Teilhabe und Selbstständigkeit zu eröffnen.